Archäobotanik

Pflanzenreste als Quelle zur Umwelt-, Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte

Archäologische Ausgrabungen, besonders in ländlichen Siedlungen oder historischen Stadtkernen, fördern in der Regel auch pflanzliche Reste zutage, die unter günstigen Bedingungen im Boden über viele Jahrhunderte bis heute erhaltenen blieben. Ebenso wie Keramikscherben, Metallgegenstände oder Steinartefakte sind sie eine archäologische Fundgattung und eine wichtige Informationsquelle zur Umwelt-, Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte des Menschen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit.

Ausgrabungsfläche Weimar-Niederweimar, Kiesgrube. Deutlich zeichnen sich die humosen,
mit Siedlungsabfällen verfüllten Gruben und Grubenkomplexe einer ländlichen Siedlung der ausgehenden Bronzezeit in älteren Hochflutlehmen der Lahn-Niederterrasse ab.

Ausgrabungsfläche Marburg/Lahn, Lahncenter. Mittelalterliche und neuzeitliche Verfüll- und Kulturschichten zum Teil in Feuchterhaltung im Bereich des ehemaligen Mühlgrabens.

Die Untersuchung solcher Pflanzenreste führender Ablagerungen ist eine Aufgabe der Archäobotanik, die sich als eigenständiger Forschungszweig der Archäologie entwickelt hat.

In den Grabungsbefunden und ihren entsprechenden Sedimenten können botanische Reste unterschiedlicher Größe erhalten sein. Sind Pflanzenreste mit bloßem Auge oder durch eine Lupe sichtbar, so bezeichnet man sie als Makroreste (Größe im Zentimeter- und Millimeterbereich). Nur unter dem Mikroskop zu erkennen sind alle so genannten Mikroreste (kleiner als 0,1 mm). Hölzer, Früchte, Samen, Blätter und andere vegetative Pflanzenbestandteile sind daher Makroreste; Pollen und Sporen werden als Mikroreste bezeichnet.

Makrorest: Samen des Schlafmohns (Papaver somniferum) aus einem Befund der Frühlatènezeit
um 400 v. Chr. (Kiesgrube Cölbe-Bürgeln).

Mikrorest: Mikrospore von Thelypteris sp., einem Farn,unter dem Mikroskop.

Pflanzliche Reste, die auf vielfältigen Wegen in den Boden, in Gruben, Gräber, Brunnen, Schächte, Kanäle und Latrinen gelangten, sind eine wertvolle Quelle zur Ernährungs- und Umweltgeschichte. So zeigt sich zum Beispiel im Spektrum der Getreide-, Obst- und Gemüsearten das „tägliche Brot“ der Menschen. In früherer Zeit sehr kostspielige, luxuriöse Nahrungspflanzen aus fremden Ländern lassen Rückschlüsse auf die soziale Stellung ihrer Konsumenten und auf weit reichende Handelsbeziehungen zu. Aus der Anhäufung bestimmter Nutzpflanzen und vielerlei Abfälle erschließen sich spezifische Tätigkeiten der Bewohner und ihr Umgang mit dem täglich anfallenden Müll. Funde von Wildpflanzen wiederum geben ein Bild vom Pflanzenkleid und den Bodenbeschaffenheiten des städtischen oder klösterlichen Umfelds oder der landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen außerhalb einer Siedlung.

 

Zur Analyse pflanzlicher Makro- und Mikroreste aus Ihren archäologischen Grabungsbefunden bietet Geo Arch Bot:

  • Beratung auf der Grabung, Erarbeitung eines archäobotanischen Grabungskonzeptes
  • Sind Sie gemäß Auflage der Fachbehörde verpflichtet, bei Ihrer Grabungsmaßnahme auch archäobotanische Proben zu sichern? Wir beraten Sie fachkundig über die optimalen Möglichkeiten!
  • Sind Sie bei einer archäologischen Prospektion oder Grabungsmaßnahme auf pflanzliches Material gestoßen und möchten, dass die Funde fachgerecht angesprochen, geborgen, aufgearbeitet und untersucht werden, so stehen wir jeder Zeit mit Rat und Tat zur Verfügung
  • Um den Arbeitsaufwand für den Ausgräber und den Archäobotaniker so optimal und kostengünstig wie möglich zu gestalten, hat sich in der Praxis bewährt, bereits im Vorfeld einer Grabung gemeinsam mit dem Ausgräber und in Abstimmung mit der Fachbehörde ein archäobotanisches Grabungskonzept mit einer speziellen Fragestellung zu entwickeln. Als Ansprechpartner stehen wir bereit!

Fachkundige Auswahl und Beprobung archäologischer Befunde

Verkohlte Getreidekörner der Spelzgerste (Hordeum vulgare) aus einem eisenzeitlichen Trockenbodenbef
und der Grabung Salzkotten „Bei der Dreckburg“, Kreis Paderborn (Urz 2003 b).

 

 

Verkohlte Getreidekörner und andere Makroreste in
der Füllung einer ehemaligen Pfostenstandspur der Grabung Weimar-Niederweimar, Kiesgrube.

 

Zeitlimit und finanzielle Vorgaben erlauben es in den wenigsten Fällen alle archäobotanischen Funde einer Grabungsmaßnahme zu bergen. Eine fachkundige Probenauswahl und die sorgfältige Beprobung sind daher wesentliche Vorraussetzungen für eine erfolgreiche archäobotanische Analyse. Geo Arch Bot verfügt diesbezüglich über langjährige praktische Erfahrungen und berät Sie oder übernimmt diese Aufgabe nach aktuellem Grabungsstandard. Je nach dem, ob eine Ausgrabung in durchlüfteten Trockenbodenablagerungen (Normalfall) oder in wassergesättigten und sauerstoffarmen Feuchtbodenablagerungen stattfindet, unterscheidet sich der Erhaltungszustand pflanzlicher Reste. In durchlüfteten Trockenbodensedimenten außerhalb des Grund- oder Stauwassereinflusses liegen sie in der Regel in verkohlter Form vor.

Da der Kohlenstoff dieser Pflanzenkohlen von Bodenlebewesen nicht mehr weiter zersetzt werden kann, bleiben sie dauerhaft erhalten. Die botanischen Reste sind beispielsweise beim Abbrennen eines Gebäudes oder am Rand eines Herdfeuers innerhalb des Hauses nur unvollständig verbrannt (verkohlt) und schließlich mit Siedlungsabfall in eine Grube entsorgt worden, oder sie gelangten, eingebettet in den Siedlungshorizont, als Kolluvium auf natürlichem Weg in eine noch offene Grube

In sauerstoffarmen Feuchtbodenablagerungen ist die Zersetzung von organischem Material durch Mikroorganismen stark eingeschränkt. Daher sind in solchen Sedimenten, beispielsweise in Brunnen, Kloaken, Bachläufen, Seen auch unverkohlte botanische Reste konserviert.

Feuchtbodensedimente einer Brunnenfüllung der mittelalterlichen Wüstung „Steintorfeldmark“ (Steinfurt-Burgsteinfurt).

Bearbeitete Hölzer sowie Feuchtbodensedimente mit unverkohltem pflanzlichem Detritus aus dem Bereich eines siedlungsnahen Flussübergangs der Latènezeit (Grabung Kirchhain-Niederwald, Kiesgrube).

 

In der Regel ist bei Feuchterhaltung die Artenvielfalt der Pflanzenreste wesentlich umfangreicher und erfordert eine von der Bergung von Trocken-bodensedimenten abweichende Stategie der Probenentnahme. Auch ist in Feuchtbodenablagerungen die Erhaltung von Mikroresten, wie Pollen und Sporen gegeben.

Holzreste, Pflanzenstängel und Schötchenklappen von Leindotter (Camelina sativa), dem „Raps der Eisenzeit“, aus latènezeitlichen Feuchtbodensedimenten der Grabung Kirchhain-Niederwald

Spelze eines Reiskorns (Oryza sativa, Länge 7,7 mm) aus einer Latrine des 17./frühen 18. Jahrhunderts im Umfeld des Klarissenklosterns, Grabung Münster-Stubengasse. Reiskörner mussten vor dem Verzehr geschält werden. Ihre robusten Spelzen wurden anschließend mit Abfall in die Latrine geworfen und haben sich so bis heute erhalten (Urz 2008 b).

Steinobst mit Steinkernen von Pflaume, Schlehe, Süß- und Sauerkirsche aus einem mittelalterlichen Latrinenschacht der ehemaligen Reichsstadt Wetzlar. Rettungsgrabung Wetzlar-„Steighausplatz“. Steinobstkerne sind relativ häufige Funde in mittelalterlichen und neuzeitlichen Latrinen. Auch sie wurden mit Abfällen in die Latrine entsorgt

Spezialfälle für die Konservierung unverkohlter Pflanzenreste liegen vor, wenn das Ablagerungsmilieu für zersetzende Mikroorganismen zu trocken, zu kalt oder zu giftig ist

Weitere Formen der Erhaltung pflanzlicher Reste sind Abdrücke in Keramik oder Hüttenlehm, besonderes bei der Magerung mit organischen Materialien. War das Ablagerungsmilieu stark mit Phosphaten aus organischen Abfällen, Tierdung oder anderen Fäkalien angereichert, kann auch eine Mineralisierung der Reste vorliegen. Dabei wurde die organische Pflanzensubstanz gegen chemische Phosphatverbindungen ausgetauscht.

Fragment einer mittelalterlichen Roggenähre aus dem Schrein des heiligen Severin von Köln. Die stets völlig trockene Lagerung des Schreins im Hochchor der gleichnamigen Kirche bedingte unter anderem auch die sehr gute Konservierung von Pflanzenresten. Die Getreideähre gelangte wohl bei einer mittelalterlichen Umbettung der Gebeine in den Schrein.

Mineralisierte Samen von Schlafmohn (Papaver somniferum) aus der Füllung eines mittelalterlichen Latrinenschachts der ehemaligen Reichsstadt Wetzlar. Rettungsgrabung Wetzlar-„Steighausplatz“.

Schlämmen von Sedimentproben, chemische Aufbereitung von Pollenproben

Bei der archäobotanischen Beprobung von archäologischen Grabungsbefunden können durch die Anzahl der Proben und durch ihr Mindestvolumen von 10 Liter Sediment schnell Kapazitäts- und Lagerungsprobleme auf der Grabung entstehen. Geo Arch Bot übernimmt das sachgerechte Schlämmen von Trockenbodenproben als spezielle Dienstleistung. Die chemische Aufbereitung von Pollenproben vermitteln wir an ein pollenanalytisches Speziallabor. Fragen Sie uns!

Verkohlte pflanzliche Makroreste aus Trockenbodensedimenten lassen sich durch Nasssieben gewinnen. Dazu wird die trockene Sedimentprobe in Wasser eingeweicht und die spezifisch leichteren Pflanzenkohlen über einen Siebsatz aus Analysensieben unterschiedlicher Maschenweiten dekantiert. Das so ausgeschlämmte Material wird schonend getrocknet und, gegen mechanische Zerstörung geschützt, aufbewahrt. Anders muss dagegen mit Feuchtbodenproben verfahren werden. Sie können nur in Ausnahmefällen wie Trockenbodenproben behandelt werden, da die empfindlichen unverkohlten Pflanzenreste durch das Austrocknen und Zusammenschrumpfen nach dem Schlämmvorgang ihre Form so stark verändern, dass sie botanisch unbestimmbar werden. Sie werden in der Regel feucht unter Zusatz eines Konservierungsmittels aufbewahrt.

Nass ausgeschlämmte, verkohlte Getreidekörner
im Analysensieb.

Geschlämmte Feuchtbodenproben und bearbeitete Hölzer werden zur mittelfristigen Lagerung mit dem Konservierungsmittel Nipagin versetzt und anschließend vakuumiert.

Grabungsbegleitendes „rapid scanning“ bezüglich der Zusammensetzung und dem Erhaltungszustand
archäologischer Befunde und Funde.

Auf vielen Grabungsmaßnahmen ist die schnelle Präsentation erster Ergebnisse gegenüber dem Auftraggeber oder der Öffentlichkeit ein Erfordernis der modernen Zeit. Dabei können Erkenntnisse archäobotanischer Untersuchungen archäologische Grabungsergebnisse zusätzlich „mit Leben“ füllen. Diese Analysen sind im Normalfall jedoch zeitintensiv. Geo Arch Bot bietet ein schnelles „rapid scanning“ (Früchte/Samen) noch im Verlauf der Grabung an. Durch spezielle Kurzgutachten stehen dem Ausgräber rasch archäobotanische Informationen zur Zusammensetzung, zum Erhaltungszustand und zur möglichen Funktion archäologischer Befunde und Funde zur Verfügung.

Spektrum ausgelesener Früchte und Samen mit Getreideresten und Wildpflanzen aus einem mittelneolithischen Befund (Rössener Kultur) der Grabung Weimar-Niederweimar, Kiesgrube

Fachwissenschaftliche Auswertung und Erstellung von Gutachten, Artenlisten, Diagrammen und Rekonstruktionen

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  • Im Rahmen moderner archäologischer Forschungs- und Auswertungsprojekte ist auch die fachwissenschaftliche Auswertung und Präsentation archäobotanischer Grabungsbefunde zu einem unverzichtbaren Bestandteil und zum wissenschaftlichen Standard geworden. Kompetente Fachwissenschaftler von Geo Arch Bot übernehmen die Analyse und Auswertung archäobotanischer Befunde zu den Teilbereichen Umwelt-, Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte des Menschen.

Archäobotanische Auswertung der Grabung Münster-Stubengasse: Die Anteile von Pflanzen verschiedener Standorte (Ökogruppen) zeigen die unterschiedliche Nutzung und Verfüllung der Befunde vom ältesten Brunnen aus dem 13. Jahrhundert (Säule links) zur Latrine im Umfeld des Klarissenklosters aus dem 17./frühen 18. Jh. (rechte Säule).

  • Umweltgeschichte: Pflanzliche Makro- und Mikroreste erlauben, vor allem wenn sie aus natürlichen Ablagerungen, wie Seen, Moore, und ehemaligen Flussläufen geborgen wurden, Einblicke in Vegetations- und Klimabedingungen vor- und frühgeschichtlicher Zeiträume und ihre Veränderung unter anthropogenen oder natürlichen Einflüssen. Lahntal-Projekt >>>
  • Wirtschaftsgeschichte: Eine archäobotanische Untersuchung gehört zu den wichtigsten Ansätzen, um Ackerbau, Vieh- und Grünlandwirtschaft, Sammelwirtschaft sowie die Nutzung der Wälder in prähistorischer und historischer Zeit zu erforschen und zu rekonstruieren.
    Naturwissenschaften auf einer Großgrabung>>>
  • Ernährungsgeschichte: Aus dem Spektrum an Kultur-, Nutz- und Sammelpflanzen einer vor- oder frühgeschichtlichen Siedlung lassen sich sowohl Rückschlüsse auf die pflanzliche Ernährung der Bewohner als auch auf ihre kulturelle und soziale Stellung ziehen.
    http://www.muenster.de/stadt/ausgrabungen-stubengasse/portulak.html
  • Archäobotanische Makro- und Mikroreste werden mit Hilfe von Vergleichsmaterial und einschlägiger Literatur botanisch bestimmt. Ihre Auswertung erfolgt unter Anwendung ökologischer und pflanzensoziologischer Ansätze und in enger Verknüpfung mit archäologischen Erkenntnissen. Die Vorlage der Ergebnisse kann je nach Erfordernis in wissenschaftlichen und/oder populärwissenschaftlichen Gutachten, Aufsätzen, Rekonstruktionen, Postern und Ausstellungsbeteiligungen erfolgen.

 

einführende Literatur: S. Jacomet / A. Kreuz (1999) Archäobotanik. Eine Einführung in Aufgaben und Methoden vegetations- und agrargeschichtlicher Forschung. UTB, Ulmer Verlag, Stuttgart.