Geoarchäologische und archäobotanische Untersuchungen im Umfeld einer latènezeitlichen Flussufersiedlung im Ohmtal bei Kirchhain-Niederwald

Status: aktuelle Rettungsgrabung, erste Auswertungsansätze 2008-2009
(Kooperation mit Dr. Chr. Meiborg und R.-J.Braun, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Außenstelle Marburg)
Link: http://articles.denkmalpflege-hessen.de/cgi-bin/home.pl?id=808&category=1&event=View
Abb. 1 Geoarchiv Talaue: Erweiterungsarbeiten der Kiesgrube Kirchhain-Niederwald. Im Hintergrund das Dorf Niederwald in der Ohmniederung des nördlichen Amöneburger Beckens und der Höhenzug der Marburger Lahnberge.
Abb. 2: Keramikscherbe der Späthallstatt/Frühlatènezeit aus den Sedimenten der eisenzeitlichen Flussrinne. Politur, perfekt erhaltene Inkrustierung und scharfe Kanten der Scherbe zeigen, dass sie nach ihrer Deponierung in sandigen Muddeschichten eines nur träge fließenden Gewässers, nicht mehr umgelagert wurde.
Abb. 3: Archäologie unter Auelehm: Reste der eisenzeitlichen Pfahlanlage, die dunkelgraue Flussbettsedimente durchzieht

Durch die Überdeckung mit Auelehm sind Besiedlungsspuren in den mitteleuropäischen Talboden-Archiven bisher jedoch nur selten und meist eher zufällig ans Licht gekommen. So ist die Ohmniederung am Nordrand des Amöneburger Beckens bei der Betrachtung der vor- und frühgeschichtlichen Siedlungslandschaft dieses fruchtbaren und früh besiedelten Gunstraumes in Mittelhessen bis heute weitgehend eine „Terra incognita“ geblieben.
Durch die aktuellen Arbeiten zur Erweiterung der Kiesgrube Kirchhain-Niederwald hat sich diese Situation jedoch grundlegend geändert.

In einem breiten Rinnebereich durchziehen Flussläufe des jüngeren Holozäns die aufgeschlossene Aue. Die Flussablagerungen setzen sich aus Kiesen, Sandlagen und Muddeschichten zusammen.
Ausgerechnet dieser, durch Verlagerung von Gerinnebetten und durch Überschwemmungen gefährdete, flussnahe Bereich birgt nun auch archäologische Funde und Befunde. Vermutlich als Abfall gelangten zahlreiche Scherben jüngereisenzeitlicher Keramik in die Flussbettablagerungen Abb. 2).

Auch außerhalb der Flussläufe konnte ein ufernaher eisenzeitlicher Siedlungshorizont mit einem Grubenbefund dokumentiert werden.
Von besonderer Bedeutung sind jedoch Reste einer Pfahlanlage, die das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Außenstelle Marburg und ihre Mitarbeiter zurzeit im Gelände ausgraben und dokumentieren (siehe Abb. 3). Erste Altershinweise, ermittelt über dendrochronologische Datierungen der Holzfunde zeigen, dass es um einen siedlungsnahen Flussübergang der jüngeren Vorrömischen Eisenzeit handelt.

Die Pfahlhölzer, weitere bearbeitete Hölzer, ihre Zurichtungsabfälle, aber auch die kleineren Früchte, Samen, Blattreste sowie zahllose Pflanzenstängel sind im dauerhaft feuchten Milieu der Flussrinnen hervorragend konserviert worden, wie es sonst nur in Seeufersiedlungen des Alpenvorlandes, in Wurten der Küstenregion oder auch in der latènezeitlichen Saline von Bad Nauheim, der Fall ist.
Die geoarchäologische und archäobotanische Auswertung der Detritusmudden und anthropogenen Abfallschichten in Feuchtbodenerhaltung wird erstmalig in Hessen einen Blick auf den landwirtschaftlichen Alltag und die Umwelt in einer bäuerlichen Flussufersiedlung der jüngeren Eisenzeit erlauben.