Naturwissenschaftliche Forschung auf der Großgrabung von Weimar-Niederweimar
(Landkreis Marburg-Biedenkopf)

Status: Langzeitprojekt in Kooperation mit der archäologische Denkmalpflege Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen (Dr. Chr. Meiborg)
Verändert aus: URZ, R. (2008): Prähistorische Jäger, Sammler und Ackerbauern im Lahntal – naturwissenschaftliche Forschung auf der Großgrabung von Weimar-Niederweimar (Landkreis Marburg-Biedenkopf). Denkmalpflege und Kulturgeschichte 3, 16-20.

Dort, wo heute die Bundesstraße 3 südlich von Marburg dem ausgedehnten Gelände des Kieswerks von Weimar-Niederweimar folgt, hat die archäologische Denkmalpflege Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen im Zuge eines mehr als 15 Jahre währenden Großprojekts eine außergewöhnliche prähistorische Siedlungslandschaft mitten im Lahntal aufgedeckt. Vor seiner endgültigen Zerstörung durch den stetig vorrückenden Rohstoffabbau konnten in jährlichen Grabungskampagnen inzwischen weit mehr als zehn Hektar Talboden untersucht und die im Boden erhaltenen Kulturdenkmäler dokumentiert werden. Mit Mitteln der Denkmalpflege gelang es, meist unter den schwierigen Rahmenbedingungen einer Rettungsgrabung, Besiedlungsreste aus mehreren Epochen, von der Mittelsteinzeit – der Zeit nacheiszeitlicher Jäger und Sammler – bis in die Jahrhunderte um Christi Geburt, freizulegen. Auf heutigen hochwassergefährdeten Flächen der Aue, besonders zwischen Lahn und einmündendem Allna-Bach, ist eine Vielzahl von Gebäudegrundrissen unterschiedlichster Art und Zeitstellung bekannt geworden. Noch vor einigen Jahren hielten selbst Fachleute eine ehemalige Besiedlung dieser Talzonen für sehr unwahrscheinlich. Diese Einschätzung ist angesichts des anhand der Ausgrabungen gewonnenen Bildes zu revidieren.


Wie ist diese in Hessen hervorragende Siedlungslandschaft im gegenwärtig von Überschwemmungen bedrohten Flusstal zu deuten und wie sahen Umwelt und Lebensgrundlagen dieser Menschen aus? Diese Fragen sind Ansatzpunkte für umfangreiche bio- und geoarchäologische Forschungsarbeiten, die die Grabungsmaßnahmen der Bodendenkmalpflege von Beginn an begleiten. Die Untersuchungen erfolgen in Form von Kooperationen des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit den Fachbereichen für Geographie der Universitäten Marburg und Frankfurt a.M. Die entsprechenden Arbeiten waren Bestandteil mehrerer Forschungsprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Aktuelle Auswertungen wurden anhand finanzieller Mittel der Denkmalpflege gefördert.


Die geoarchäologischen Forschungsarbeiten zu Flussablagerungen und zum Geländerelief im Lahntal sind bisher noch nicht abgeschlossen. Es zeichnet sich jedoch bereits ab, dass das Tal bei Niederweimar bis in die Zeit um Christi Geburt in sichtlich exponierte Flussterrassenflächen und tief eingeschnittene Arme der Lahn gegliedert war. Die jeweiligen Siedlungen lagen auf der hochwassersicheren Niederterrasse über der damaligen Aue. Heute sind diese Reliefunterschiede durch die spätestens seit dem Mittelalter verstärkte Ablagerung von Auelehm ausgeglichen worden. Der Talboden erscheint daher heutzutage relativ eben.


Ziel archäobotanischer Untersuchungen ist eine diachrone und räumlich-funktionale Auswertung verkohlter und unverkohlt erhaltener Kultur- und Wildpflanzenreste zur Umwelt, Landwirtschaft und pflanzlichen Ernährung vom Mesolithikum über das Mittelneolithikum bis in die frühe römische Kaiserzeit. Als Arbeitsgrundlage stehen inzwischen Pflanzenreste aus über 120 archäologischen Befunden zur Verfügung. Dazu wurden etwa 2000 Liter Probenmaterial aufgearbeitet. In Niederweimar zeigen sich landwirtschaftlich orientierte Siedlungen mit Schwerpunkten im Mittelneolithikum (Rössen), Endneolithikum/Frühbronzezeit (Becherkulturen), Spätbronzezeit (UrnenfelderKultur) und der Vorrömischen Eisenzeit (Hallstatt- und Frühlatène, Spätlatène/Frühe Kaiserzeit). Trotz ihrer Siedlungslage inmitten des Lahntals war der Ackerbau dort über Jahrtausende ein wesentlicher Teil der Landwirtschaft.

 

Siehe: L. Fiedler/S. Gütter/A. Thiedmann, Frühkaiserzeitliche Siedlungsfunde aus Niederweimar bei Marburg. Germania 80, 2002, S. 135–168. – S. Gütter/Ch. Meiborg/A. Thiedmann, Siedlungen auf dem Kies in Weimar-Niederweimar. Hessen-Archäologie 2002 (2003) S. 46−48. – S. Gütter/Ch. Meiborg, Neues aus der Kiesgrube in Niederweimar. Hessen-Archäologie 2003 (2004) S. 71–73. – R. Urz, Kelten und Germanen im archäobotanischen Befund von Niederweimar. Hessen-Archäologie 2003 (2004) S. 74–75. – S. Gütter/Ch. Meiborg, Niederweimar – Besiedlung ohne Grenzen. Hessen-Archäologie 2004 (2005) S. 74–77. – R. Urz, Der archäobotanische Blick in eine frühgermanische Kegelstumpfgrube der Siedlung Weimar-Niederweimar. Hessen-Archäologie 2004 (2005) S. 77–79. – R.-J. Braun/S. Gütter/R. Urz/Ch. Meiborg, Und wo ruhten die Toten? Hessen-Archäologie 2005 (2006) S. 150–153.