Das mittlere Lahntal – eine Flusslandschaft im Wandel

Status: DFG-Projekt 1998 - 2000
Projektleiter: Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer, Institut für Physische Geographie der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/Main Prof. Dr. Siegmar von Schnurbein, Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts Frankfurt/Main
Mitarbeiter: Dr. Ralf Urz, K. Röttger

Projektskizze und Ergebnisse:

aus: URZ, R., RÖTTGER, K. & THIEMEYER, H. (2002): Von der Natur- zur Kulturlandschaft. Das mittlere Lahntal (Hessen) in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Germania 80, 1. Halbband, 269-293, 6. Abb.

Für den hessischen Mittelgebirgsfluss der Lahn zwischen Lollar und Wetzlar wurden Ergebnisse zur Veränderung des Talbodenreliefs, zur fluvialen Dynamik und zur Vegetationsentwicklung erarbeitet und dem vor- und frühgeschichtlichen Besiedlungsbild der Region gegenübergestellt. Daraus wird ein komplexes Gefüge von flussinternen, anthropogenen und klimatischen Einflüssen auf den Wandel der Flusslandschaft deutlich.

Mit einem lößreichen Einzugsgebiet gehört diese Talzone zu den bereits früh besiedelten Regionen Hessens. Methodisch bewährt haben sich dabei neben den geomorphologischen, bodenkundlichen und archäobotanischen Ansätzen vor allem dendrochronologische Untersuchungen subfossiler Auwaldeichen aus Flussbett-Sedimenten als noch wenig genutztes Archiv, um Veränderungen der Flussdynamik chronologisch und in ihrer Intensität darzustellen (Poster PDF).

Die Frage nach möglichen Ursachen des Landschaftswandels, klimagesteuert, anthropogen bedingt oder von einer Kombination beider Faktoren beeinflusst, sollte durch eine Verknüpfung der Ergebnisse interdisziplinärer Untersuchungen wesentlich klarer beantwortet werden können. Mit diesem Ziel, war das Projekt in das Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Wandel der Geo-Biosphäre während der letzten 15.000 Jahre. Kontinentale Sedimente als Ausdruck sich verändernder Umweltbedingungen" integriert.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein erster Einfluss des Menschen seit dem frühen Neolithikum auch durch Siedlungen der Linearbandkeramik in der Talniederung nachweisbar ist. Dieser "human impact", der durch Störungen eines bis dahin relativ stabilen Ökosystems im Einzugsgebiet bereits die fluviale Dynamik beeinflusst haben könnte, verstärkte sich seit der Jüngeren Bronzezeit (Urnenfelder-Kultur) so wesentlich, dass mögliche Klimasignale überlagert werden. Lediglich für den Zeitraum der Spätantike/Völkerwanderungszeit weist eine verstärkte Flussdynamik während des 5. Jh. AD, bei eher geringem anthropogenem Einfluss, auf klimainduzierte Veränderungen hin. Die durch menschliche Eingriffe ausgelöste, massive mittelalterliche Bodenerosion und die verstärkte Ablagerung als Auelehm vollendete schließlich den bereits zur Römischen Kaiserzeit einsetzenden Reliefausgleich zwischen den noch exponierten Niederterrassenflächen und der Aue. Der überschwemmungsgefährdete Talboden umfasst seitdem die gesamte Talbreite. Das menschliche Eingreifen in die Landschaft bedingte somit die bis dahin auffälligsten Veränderungen der nacheiszeitlichen Flusslandschaft. Daraus wird deutlich, dass bis in das Subatlantikum, vor allem aber während nachgewiesener Grundwasser-Tiefstände im Zeitraum jüngeres Atlantikum bis jüngeres Subboreal, zum Teil noch während der Frühlatènezeit, große Teile der Tallandschaft durch den Menschen besiedelbar und auch agrarisch nutzbar waren. Der Nachweis siedlungsrelevanter Befunde aus Auelehm-Profilen zeigt, dass der Talboden als prähistorische Siedlungslandschaft neu bewertet werden muss. Hier eröffnen sich sowohl der Siedlungsarchäologie als auch geo- und biowissenschaftlichen Disziplinen neue Möglichkeiten der Forschung, die, auf Grund der komplexen Zusammenhänge zwischen archäologischen Funden und Befunden in einer Flußlandschaft und dem Sedimentaufbau aus fluvialen und kolluvialen Ablagerungen, ein hohes Maß an interdisziplinärer Arbeit erfordern.