Geoarchäologische und archäobotanische Untersuchungen zur Umwelt mesolithischer Jäger, Fischer und Sammler: Frühpostglaziale Landschaftsveränderungen im mittleren Lahntal

Status: DFG-Projekt 1996 - 1998 Projektleiter: Dr. Ralf Urz, Fachbereich Geowissenschaften der Philipps-Universität Marburg im Rahmen eines DFG Forschungsstipendiums Am Projekt beteiligte Wissenschaftler: Archäologische Auswertung: Prof. Dr. L. Fiedler (Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Marburg) Großsäugerfauna: Dr. M. Street/Dr. M. Baales (Forschungsbereich Altsteinzeit des RGZM, Schloß Monrepos, Neuwied) Pollenanalyse: Dr. A.J. Kalis, Dr. J.A.A. Bos (Seminar für Vor- und Frühgeschichte der J.W. Goethe Universität Frankfurt/M.) 14C-Datierungen: Dr. B. Kromer (Institut für Umweltphysik der Heidelberger Akademie der Wissenschaften); Dr. K. van der Borg (R.J. Van de Graaff laboratorium, Universität Utrecht)

Projektskizze:

Am Ende der letzten Kaltzeit, im Übergang zur Nacheiszeit kam es auch im hessischen Mittelgebirgsraum zu einem kennzeichnenden Landschaftswandel. Das Flussregime, die Zusammensetzung von Vegetation und Fauna sowie die Bodenentwicklung wurden zunächst noch durch relativ wechselhafte Klimaveränderungen beeinflusst. Für die Menschen der späten Alt- und Mittelsteinzeit im Lahntal ergaben sich daraus weit reichende Veränderungen und verlangten jeweils eine Anpassung ihrer Lebensweise. Am Beispiel der mesolithischen Kultur (ca. 11.500-7.600 Kalenderjahre vor heute) wurde die Beziehung zwischen Mensch und sich wandelnder Umwelt in der Flusslandschaft des mittleren Lahntals untersucht. Ansatzpunkte dafür waren gezielte geomorphologische und stratigraphische Kartierungen und die Auswertung der Sedimente im Talbodenbereich der Lahn. Diese Ablagerungen beinhalten als "Talboden-Archive" wichtige Erkenntnisse zur spät- und postglazialen Fluß- und Vegetationsgeschichte und deren Steuerungs- und Einflußfaktoren.die Umweltverhältnisse des ausgehenden Spätglazials und frühen Holozäns für das mittlere Lahntal südlich von Marburg zu rekonstruieren und die mesolithischen Lagerplätze und ihr Umfeld darin einzubinden (Poster 1 PDF).

Archäologie:

Unter mächtigem Auelehm begrabene Relikte von Feuerstellen mit Steinwerkzeugen und einer Vielzahl meist kleinteiliger Abfälle der Steinbearbeitung sind die bisher ältesten Zeugnisse des Menschen im Lahntal bei Niederweimar. Darunter befinden sich auch Mikrolithen, kleine steinerne Einsätze für Geräte und Waffen, die in Europa für Jägergruppen der frühen Nacheiszeit (etwa 11.500 bis 7.600 Jahre vor heute) typisch sind. Formenkundliche Merkmale lassen eine Einordnung dieser Steinartefakte in eine frühe Phase der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) zu. Die nur wenige Quadratmeter umfassenden Lagerplätze sind in den lehmigen Sedimenten über dem Kies schwer zu lokalisieren und stellen unter den Gegebenheiten einer Großgrabung meist Zufallsfunde dar. In Niederweimar boten jedoch die ausgedehnten Untersuchungsflächen für den hessischen Raum seltene Ansatzpunkte, derartige Bodendenkmäler in ihrem Umfeld mit naturwissenschaftlichen Methoden genauer zu untersuchen.

Archäozoologie:

Archäozoologische Analysen der Großsäugerfauna konnten aus dem Umfeld der Fundplätze Zahn- und Knochenreste von Rothirsch, Reh, Wildschwein und Auerochse identifizieren, die z.T. noch Schnittspuren von Steinwerkzeugen aufwiesen. Sie zeigen, dass die Lagerplätze Jagdstationen frühmesolithischer Jäger-, Fischer- und Sammlergruppen gewesen sind.

Geoarchäologie:

Geoarchäologische Untersuchungen befassten sich mit der ehemaligen Geländeoberfläche im Umfeld der Fundstellen. Das Relief des Lahntals bei Niederweimar vor etwa 10.000 Jahren unterschied sich gänzlich von der heutzutage sehr ebenen und gleichförmigen Gestalt des Talbodens. Während der frühen Nacheiszeit war dieser deutlich in exponierte, mit Auelehm bedeckte Flussterrassenareale und darin eingeschnittene Flussbetten gegliedert. Die mittelsteinzeitlichen Lagerplätze finden sich stets in den trockenen Uferbereichen dieser ehemaligen Flussläufe.

Archäobotanik:

Archäobotanische Untersuchungen nutzten die organischen Ablagerungen der verlandeten Altwasserrinnen und die darin unter Luftabschluss bis heute erhaltenen Blattreste, Früchte, Samen und Pollen, um die Zusammensetzung der ehemaligen Vegetation zu rekonstruieren. Momentaufnahmen zeigen, dass die frühmesolithischen Jagdlager zunächst von einem Wald aus Birken, Kiefern, Pappeln, Weiden und Haselgebüschen umgeben waren. Während einer späteren Phase dominierten dort Haselgebüsche, Eichen und erste Ulmen sowie Linden. Nach Süden – zum heutigen Lahnlauf – hin schlossen sich Feuchtgebiete an, in denen Wasserpflanzen, Röhrichtbestände und Pflanzen nährstoffreicher Ufer und Nasswiesen wuchsen. Es gibt verschiedene Anzeichen darauf, dass die mesolithischen Jägergruppen den Pflanzenwuchs ihrer Umgebung im Lahntal beeinflussten. So werden angekohlte Kiefernhölzer in den Ablagerungen als Hinweise auf die gezielte Auflichtung des Waldes im näheren Umfeld interpretiert. Das zeigt sich auch in der grafischen Darstellung der Pollen- und Großrestfunde in Form eines Maximums an verkohlten Pflanzenresten. Darunter sind auch viele Uferpflanzen, die belegen, dass die Uferzonen für Mensch und Tier offen gehalten wurden. Weg geworfene Knochenreste der Jagdbeute und andere organische Abfälle führten dazu, dass sich im Umfeld der Lagerplätze Stickstoff liebende Pflanzen, wie beispielsweise die Brennnessel, verstärkt ausbreiten konnten.

Fazit:

Artenreiche Wildbestände und eine reiche Flora mit Sammelfrüchten wie Haselnüssen, Schlehen, Hagebutten, Kratzbeeren und Traubenkirschen dürften als Standortfaktoren für mehrfache Aufenthalte mesolithischer Jägergruppen am Ufer der Lahn maßgeblich sein. Die Ergebnisse der
naturwissenschaftlichen Untersuchungen machen deutlich, dass sich der Mensch nach dem Ende der letzten Kaltzeit und dem Verschwinden der eiszeitlichen Tier- und Pflanzenwelt einer bewaldeten Landschaft mit veränderter Fauna und Flora anpasst, die Flusslandschaft für seine Interessen nutzt und sie bereits lokal beeinflusst.

R. Urz, Begraben unter Auelehm: Frühmesolithische Siedlungsspuren im mittleren Lahntal. Archäologisches Korrespondenzblatt 30, 2000, S. 33–43. H. Bos/R. Urz, Late Glacial and early Holocene environment in the middle Lahn river valley (Hessen, central-west Germany) and the local impact of early Mesolithic people – pollen and macrofossil evidence. Vegetation History and Archaeobotany 12, 2003, S. 19–36.